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Istanbul vor 45 Jahren

Hamburg, Deutschland
3 Beiträge
Istanbul vor 45 Jahren

"Istanbul 2010" - Kulturhauptstadt: Nahezu 13 Millionen Einwohner. 1965 lebten in dieser Stadt knapp 1,8 Millionen Menschen.

1964/65 trampte der damals 20jährige Björn Pätzoldt quer durch den afrikanischen Kontinent. Auf seiner Rückreise von Kairo nach Europa machte er Zwischenstation in Istanbul. In dem Erzählwerk "NANDINDA, Draußen ist Freiheit... Eine deutsche Nachriegsbiographie" (Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009) werden dessen seinerzeitigen Eindrücke und Begegnungen beschrieben:

"Er schlenderte auf der Suche nach einer Herberge durch verwinkelt Gassen der Altstadt. Trank hier einen Kaffee und dort einen Tee, durchstreifte schummerige Bazare, von kunstvollem Mauerwerk überwölbt. Moscheen und Minarette kamen ihm bei jedem seiner Schritte entgegen. `Das soll Europa sein? ´

Er fühlte sich eingebettet in Gerüche, Geräusche und Farben des liebreichsten Orients und dachte sich insgeheim, noch immer in Nordafrika zu sein. Wahllos durchquerte er die quirligen Straßen der Stadt am Bosporus. Er schlenderte den Sultanahmet-Platz unweit des Topkai-Palastes entlang. Zog weiter zur Blauen Moschee, vor deren sechs Minaretten und Kaskaden von Kuppeln er ergriffen innehielt. Suchte die Hagia Sophia auf und das Hippodrom mit der Schlangensäule und dem ägyptischen Obelisk. Besuchte Galata Mevlevihanes, das älteste Kloster der tanzenden Derwische. Europa war in dieser Stadt, als er danach suchte, noch nicht angekommen. Hier in Istanbul fühlte er sich geborgen.

In einem Wirtshaus, seinen Hunger zu stillen, bestellte er ein Essen, das er nicht kannte. Handgeschrieben auf einer Speisekarte waren Buchstabenreihen und Zahlen. Das letztere mussten die Preise sein, die konnte er deuten. So wählte er eines der billigeren Gerichte aus. Links daneben standen die Worte ´iskembe corbasi´. Er las diese Zeile so laut und nachdrücklich vor, dass die Männer am Nebentisch zu ihm hinüberschauten. Seine Bestellung wurde nach einer Weile in einer dampfenden Schale gebracht. Er rührte mit dem Löffel in der Suppe herum und brachte, als er das Schöpfgerät anhob, einen porigen Lappen zutage. Ihm schnürte sich der Magen zu. Das waren Pansenstücke, erinnerte er sich. Der Hund seiner Eltern daheim bekam solche Kutteln ungereinigt zum Fraß. Er starrte nur mit ekelerfüllten Augen in die Schüssel und spürte im Nacken, wie sich die Blicke vom Nebentisch in ihn zu bohren schienen. Ihm war, als würden sich Augäpfel aus fremden Schädeln lösen und wie Wurfgeschosse auf seinen Körper zutreiben. Er verharrte in seiner erstarrten Körperhaltung und wendete nicht den Kopf. In seinem Gehirn rumorte es auf der Suche nach einer Entscheidung. Schließlich gab er sich einen Ruck und führte den Löffel mit dem Eingeweide zwischen die geöffneten Lippen und schlürfte und kaute und würgte das labberige Gewebe in der Mundhöhle durch Zungengrund und Gaumenbogen die Speiseröhre hinunter bis in den Magen hinein. Die Augengeschosse hielten inne und schlugen nicht auf ihn ein. ´Nur schnell hinunter mit diesem Zeug´, dachte er und löffelte behände so schnell wie möglich die Schüssel leer. Kaum hatte er aufgegessen, erhoben sich die Männer vom Nachbartisch und gingen auf ihn zu. Sie klopften ihm auf die Schulter und bestellten beim Wirt ein Glas Schnaps. War es Arak oder Raki? Er erinnert sich nicht, es waren zu viele Gläser, und danach war er nicht mehr bei Sinnen. Sein Gaumen schmeckte nach Schweiß und Anis. Vermutlich waren es gebrannte Wässerchen von beidem. Die Männer in der Kaschemme umsorgten ihn.

Er spürte klatschende Hände an seinen Wangen und öffnete zaghaft die Augen und sah nur Schnauzbärte über sich. Er muss wohl zu Boden gesunken sein, bevor seine Sinne schwanden. Als er sich wach genug wähnte, vernahm er fragende Gesten, die zu wissen begehrten, woher er denn komme.

`Almanya´, hauchte er. Da schlugen die besorgten Männer schon wieder auf ihn ein und lachten und hoben ihn auf: `Almanya gut! Du warten!´

Er wusste nicht, hatte er richtig verstanden? Sprach da einer deutsch? `Was soll´s´, dachte er und wartete und wusste nicht worauf. Er hätte sich ohnehin aus eigener Kraft nicht fortbewegen können. So ließ er sich schlaff in dem Gestühl hängen, auf das ihn die anderen gehievt hatten, und zog sich aus der Wahrnehmung seiner Umgebung zurück, bis nach einer Weile ein jüngerer Mann auf ihn zukam. E sei, erklärte der ihm mit knappen Worten in seiner Muttersprache, gerade aus Deutschland zur Heimreise hier. Sein Onkel habe ihn gerufen. Er wies mit der Hand auf einen der Bärte, der grinste. Er solle sich um den Almani kümmern und übersetzen solle er auch. Dann sprachen die türkischen Männer Anerkennung und Lobesworte, und Freund sei er obendrein: `Almanya gut! Du arkadas!

Vereint griffen die Männer ihm unter die Schultern und schleiften ihn aus der Gaststätte über die Straße in ein nahegelegenes Haus. Dort legten sie ihn auf ein Bett und ließen ihn liegen. Er schlief, wer weiß wie lange, bis ein beißender Geruch ihn aus der Ohnmacht lockte. Als er erwachte, wusste er nicht, wo er sich befand. Er spürte nur auf seiner Stirn ein kaltes feuchtes Tuch und erblickte über sich gebeugt ein gütiges Omagesicht. Mild lächelnd pendelte die Frau über seinem Haupt ein verziertes Schwenkgerät, aus dem weißer Qualm hervorquoll. Weihrauch zog durch seine Nase und schlich sich in seine Stirn. `Buhur´, pustete ihn die Wohltäterin an und wedelte ihm mit einer Hand den harzigen Duft in das Gesicht. Er hätte heulen und sie vor Rührung umarmen wollen. Er tat es nicht. Er ließ es geschehen. Sie küsste ihm weich auf die Stirn und Wangen. ´Ogul!´, wisperte ihre warme Stimme: ´Sohn!´

Er nahm das Geflüster mit schläfrigen Sinnen wahr und hörte die Frau den jungen Türken rufen, der deutsch sprach und sagte, das sei seine Tante. Er sei hier nur zu Stippvisite auf der Weiterreise nach Anatolien. Dort lebe er in einem Dorf bei seiner Familie. Die habe ihn vor vier Jahren nach Deutschland geschickt, zur Arbeit und um Geld zu verdienen: ´Deutschland gut!´

Er würde noch einige Tage in Istanbul bleiben und wenn der Deutsche wolle, könne er ihm die Sehenswürdigkeiten der Stadt zeigen. ´Danke!´, erwiderte er nur matt. Es waren der Worte und Sätze zu viel gesprochen, als dass er deren Sinngehalt gedanklich hätte verarbeiten können. ´Mersi´, widerholte er sich und wollte sich von seinem Lager erheben. Ihm war, als zerbirst ihm der Kopf. Aus den Weiten des Raumes vernahm er ein mitleidiges Raunen. Das näherte sich ihm in Gestalt der Tante, die eine Schale mit Wasser und ein Handtuch bei sich trug. Plötzlich platschte sie ihm ohne warnende Vorankündigung das kalte Nass ins Gesicht. Erschrocken schüttelte er seinen Kopf und prustete aus Nase und Mund die eingedrungenen Spritzer aus. Nun fühlte er sich hellwach. Die Tante flüsterte fragende Worte, die er nicht verstand. Ihr türkischer Neffe übersetzte radebrechend und wollte von ihm wissen, wo er die Nächte verbringe.

`Barinak!´, konnte er sich schwach erinnern: Herberge, Schlupfloch, Asyl...´

Nun stieß die türkische Tante empörte Laute hervor: ´So geht das nicht! Das kommt überhaupt nicht in Frage!´

Sie sagte das nicht in diesen Worten. Sie äußerte sich in einer ihm fremden Sprache. Aber es hörte sich an, als hätte sie dem Sinn nach dasselbe gesagt. Er hatte richtig verstanden. Der junge Türke trug ihm im Auftrag der Tante auf: ´Du schlafen hier!´

Er war zu schwach, das Angebot abzulehnen, und nahm die Einladung widerspruchslos an, legte sich rücklings zurück auf das Bett und nannte die Straße, in der sich sein Obdach befand. Von dort würde er, versprach ihm der freundliche Helfer, sein Gepäck mit allen seinen Sachen holen. Das waren die letzten Worte, die er vernahm. Dann versank er wieder in wohligen Schlaf.

Der Neffe seiner Gastgeberin führte ihn die Tage darauf durch die Stadt..."

1 Antwort
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1. AW: Istanbul vor 45 Jahren

Hallo Nandinda,

dies ist ein Reisebericht der besonderen Art. Vielen Dank dafür.

Vieles hat sich inzwischen in Istanbul verändert, viele Stadtteile sind mittlerweile in Europa angekommen und glänzen in modernem Stil.

Aber vieles ist auch so geblieben, die Sehenswürdigkeiten, die Gerüche und Farben, und sogar die Pansensuppe gibt es noch. Vor allem aber findet man auch heute noch diese sprichwörtliche Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft bei den Einheimischen, trotz hartem Konkurrenzkampf im täglichen Leben.

Ich hoffe sehr, dass diese Stadt zwischen Orient und Okzident nie ganz ihren Zauber verliert.

Tschüss

patara01

Antwort auf: Istanbul vor 45 Jahren
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